Pinocchio unter Druck

Pinocchio unter Druck

Immer wieder wurden wir in Seminaren damit konfrontiert, dass uns Teilnehmer gefragt haben, ob man denn nicht manchmal mit einer Notlüge einfach davonkomme. Sei dies bei einem Raub oder aber auch bei Sozialarbeitenden. Man wird schnell dazu verleitet, dem Täter etwas zu versprechen, was man nicht halten kann. Oder aber dem Räuber zu sagen, dass nach der ersten Auszahlung keine zweite mehr getätigt werden kann, damit er das Geschäft schneller wieder verlässt.

 

Unser Bauchgefühl sagte uns immer, dass dies keine gute Idee ist. Jedoch konnten wir es nicht mit Fakten begründen. Und so haben wir einmal einen Versuch gewagt und getestet, ob eine Versuchsperson im Rollenspiel als Räuber erkennen kann, wer in einer stressigen Situation lügt und wer die Wahrheit sagt.  

Der Versuch zeigte, dass der Täter in über 90% aller Fälle eine Lüge sofort als Lüge erkannte und sich dann erst recht in seine Emotion hineinsteigerte.

Um zu verstehen, weshalb unser Gegenüber erkennen kann, dass wir lügen, machen wir einen kurzen, sehr vereinfachten Exkurs in das Thema “Lügen erkennen“ oder Intuition.

Wie funktioniert unser Gehirn?

Unser Gehirn vollbringt jeden Tag Meisterleistungen.Wir wissen nicht genau, wie viele Informationen jeden Tag auf unser Gehirn einprasseln, aber es sind unendlich viele. Um uns überlebensfähig zu halten, hat unser Gehirn einen tollen Filter eingebaut. 

Dieser filtert wichtige und unwichtige Informationen automatisch und ohne unser bewusstes Zutun in die Kategorien “wichtig“, “unwichtig“ und “im Moment nicht wichtig“.

 

Was hat Pinocchio mit einem Gorilla zu tun? 

Sehr amüsant aber auch deutlich zeigt dies das Experimentdes Psychologen Daniel Simons der Universität von Illinois in Urbana Champaign und Christopher Chabris von der Harvard Universität. Weil dies so interessant war, haben wir es mittels eines Videos mit drei Testgruppen wiederholt.

 An einem Wettkampf von zwei Ballmannschaften - die eine  schwarz, die andere weiss gekleidet - wurde eine einzige die Aufgabe an die Teilnehmer des Experimentes gestellt. Es gilt mitzuzählen, wie oft der Ball gepasst wird. Dies meisten Teilnehmer bewältigten diese Aufgabe korrekt und ohne Schwierigkeiten. Sie nannten problemlos die korrekte Zahl. Auf die Frage, ob Ihnen sonst noch etwas aufgefallen sei, antwortete mehr als die Hälfte der Testpersonen, dass Ihnen nichts Besonderes aufgefallen sei. Ungefähr ein Viertel der Teilnehmer schmunzelten, und ein weiterer  Viertel überlegte angestrengt und schmunzelten dann ebenfalls. 

Mitten im Experiment schlich sich eine Person, welche ein Gorilla Kostüm trägt, in die Szene beziehungsweise mitten auf das Spielfeld. Dort trommelt sich der Gorilla mit den Händen auf die Brust und verlässt dann das Spielfeld wieder..

Dieses Experiment zeigt sehr klar, wie unsere Wahrnehmung einem Filter belegt wird, welcher aussortiert, was für den Moment nicht wichtig ist.

 

Die Hälfte der Gruppe nahm den Gorilla überhaupt nicht wahr. Ein Viertel alles Teilnehmer sah den Gorilla. Ein Viertel der Teilnehmer konnte, bei genauerem Nachdenken, das Bild abrufen. Wir nehmen also vor allem wahr, was mit einem Scheinwerfer beleuchtet wird – sprich, was in unserem Fokus liegt. Der grosse Rest wandert ins Unterbewusste. Doch inwiefern ist dies für unser Beispiel relevant?


Von Mikromimik, Tonalität und Gestik

Der Täter achtet sich nicht bewusst auf die Mikromimik, Tonalität von Gesagtem und auf die Gestik. Da er jedoch Stress hat, und unbewusst alles nach einer möglichen Gefahr abscannt, nimmt er unbewusst Lügen oder Unwahrheiten sehr schnell wahr. Dazu kommt, dass wir im Stress sehr grobmotorisch werden. Dabei verraten uns in der Regel Mikromimik, Tonalität und Gestik sehr schnell, da diese sich unter Stress nur sehr schwer bewusst beherrschen lassen.

 

Wie Pinocchio ist es uns nahezu unmöglich, unsere imaginäre Holznase nicht wachsen zu lassen!


 

Was ist bei einer Eskalation die schlimmstmögliche Situation? 

Was wir in Konfliktsituationen vor allem anderen vermeiden möchten, ist, dem Täter Grund für noch mehr Wut, Aggression oder Unsicherheit zu bieten. Mit dem entlarven einer Lüge bieten wir ihm beispielsweise einen Grund, seine Reaktion noch zu verstärken und sich noch mehr in seine Emotionen zu verstricken – die Eskalation ist vorprogrammiert. Der Täter fühlt sich nicht ernst genommen und sieht sich gezwungen, seine Drohungen zu verstärken. Sei dies körperlich, verbal oder nonverbal.

 

Wir setzen darauf, mit unserem Gegenüber ehrlich zu kommunizieren. Es gibt genügend Tools, wie wir auch unangenehme Themen deeskalieren können, wenn wir es richtig angehen. Denn wir sind davon überzeugt, dass für jede Konfliktsituation die Beziehungsebene massgebend ist, für ein gutes Gelingen und ein konstruktives Miteinander.